Wann man innovieren und wann man imitieren sollte
Wann Innovationen den Markt verändern
Innovative Trends erkennen
Der Mittelstand steht oft vor der Frage, ob er lieber den Weg der Innovation oder der Imitation einschlagen sollte. Innovationen sind der Motor für Marktveränderungen und zukunftsweisende Entwicklungen. Doch wie erkennt man eigentlich, wann es Zeit ist, wirklich Neues zu wagen? Innovative Trends entstehen meist durch technologische Durchbrüche, veränderte Kundenbedürfnisse oder regulatorische Anforderungen. Unternehmen, die diese Trends früh erkennen und entsprechend handeln, können sich als First Mover am Markt positionieren. Laut einer Studie von McKinsey (2022) erzielen First Mover ein Umsatzwachstum von 20 bis 30 Prozent über dem Durchschnitt. Sie tragen jedoch auch ein höheres Risiko für Fehlschläge – rund 40 Prozent mehr als Imitatoren.
Wichtig ist, dass Sie frühzeitig Markt- und Technologiedaten beobachten und beurteilen, welche Innovationen Potenzial haben, bestehende Geschäftsmodelle oder Produktkategorien grundlegend zu verändern. Offene Innovationsplattformen und Kooperationen mit Startups oder Forschungsinstitutionen helfen mittelständischen Unternehmen dabei, den Innovations-Puls zu fühlen. So können Sie Trends nicht nur erkennen, sondern auch gezielt für sich nutzen.
Vorteile kreativer Entwicklungen
Radikale Innovationen, die völlig neue Wege oder Produkte entstehen lassen, bieten die Chance auf enorme Wettbewerbsvorteile und langfristigen Markterfolg. Unternehmen wie Bosch zeigen, wie sich große Investitionen in Forschung und Entwicklung bezahlt machen: Bosch ist bei autonomen Fahrassistenzsystemen vorne mit dabei und kombiniert dort hohe Innovationskraft mit adaptiven Imitationen, um auch bestehende Technologien erfolgreich einzubinden und zu skalieren.
Auch inkrementelle Innovationen, also schrittweise Verbesserungen bestehender Produkte und Dienstleistungen, sind ein starkes Mittel, um Kundennutzen zu steigern. Laut Bitkom bevorzugen 70 Prozent der Kunden Produkte, die bewährte Technik mit neuen Features verbinden. Dies ermöglicht Mittelständlern, Risiken zu reduzieren und dennoch Innovation sichtbar zu machen. TeamViewer ist ein gutes Beispiel: Bereits als Imitator im Bereich Remote-Desktop-Software gestartet, erlangte das Unternehmen durch kontinuierliche Weiterentwicklung eine führende Marktposition und investiert mittlerweile in radikal neue Bereiche wie Augmented Reality.
Risiken von Innovationen
Innovationsprojekte sind teuer und mit Unsicherheiten verbunden. Untersuchungen des Fraunhofer ISI zeigen, dass radikale Innovationen im Mittelstand oft 3 bis 5 Mal höhere Kosten gegenüber adaptiven Verbesserungen verursachen. Neben den finanziellen Herausforderungen sind die Marktakzeptanz und die richtige Einschätzung der Wettbewerbsdynamik kritisch. Ein überhasteter Markteintritt mit einer technologisch zwar neuartigen, aber nicht ausreichend gefragten Lösung kann schnell zu großen Verlusten führen.
Der Innovationsdruck darf außerdem nicht zu Überforderung führen: Kleine und mittlere Unternehmen müssen ihre Ressourcen realistisch bewerten und dürfen nicht den Fehler machen, Innovation „um jeden Preis“ zu forcieren. Prof. Dr. Alexander Brem von der Hochschule Koblenz warnt: „Radikale Innovationen bergen hohe Risiken und sollten nur umgesetzt werden, wenn genügend Marktverständnis und Ressourcen vorhanden sind.“
Imitieren als strategisches Mittel
Marktbeobachtung und Analyse
Imitationsstrategien sind nicht per se weniger wertvoll als Innovationen – im Gegenteil. Die Fähigkeit, Wettbewerber genau zu beobachten, deren erfolgreiche Innovationen zu analysieren und daraus eigene Verbesserungen abzuleiten, ist eine bewährte und oft effizientere Methode, am Markt erfolgreich zu sein. Unternehmen wie TeamViewer nutzten das frühe Folger-Dasein, um etablierte Produkte besser und kundenorientierter zu machen.
Besonders im Mittelstand, wo Ressourcen knapp und Budgets limitiert sind, bietet Imitation die Gelegenheit, Markteintrittszeiten erheblich zu reduzieren. Die EU-Kommission stellte fest, dass Unternehmen durch schnelle Adaption bestehender Innovationen ihre Produkte 6 bis 24 Monate früher auf den Markt bringen können – Zeit, in der Mitbewerber noch entwickeln.
Die digitale Transformation unterstützt diesen Prozess zusätzlich: Mit digitalen Tools lassen sich Innovationen der Konkurrenz heute schnell verfolgen, bewerten und adaptieren. Der Trend zur Open Innovation fördert zudem die Zusammenarbeit mit externen Partnern, was die Nachahmung und Anpassung von Innovationen erleichtert.
Wann Nachahmen sinnvoll ist
Imitieren lohnt sich insbesondere, wenn das Produkt oder die Technologie bereits am Markt etabliert ist und ein klarer Kundennutzen vorliegt. Die meisten deutschen Mittelständler bevorzugen inkrementelle Innovationen und Imitationen (60 % laut KfW-Mittelstandspanel 2023), da sie mit weniger Risiko verbunden sind und stabile Umsätze generieren.
Unternehmen sollten imitieren, wenn:
- die internen Ressourcen begrenzt sind und hohe Innovationskosten nicht getragen werden können,
- der Markt stabil ist und schnelle Anpassungen wichtiger sind als radikale Neuerungen,
- eine klare Möglichkeit besteht, bestehende Produkte oder Prozesse durch einfache Verbesserungen attraktiver zu machen,
- technologische Standards oder Kundenanforderungen gut bekannt sind und nicht mehr grundlegender Erneuerung bedürfen.
Dies ist zum Beispiel bei Wempe zu beobachten. Dort verzichtet man bewusst auf radikale Produktinnovationen und fokussiert sich auf die Kombination traditioneller Uhrmacherkunst mit modernen Features. Die Innovationskraft wird vielmehr im Vertrieb und in der Kundenansprache kanalisiert – ein kluges, risikoarmes Vorgehen.

Entscheidungsfaktoren: Innovieren oder Imitieren
Ressourcen und Budget
Zentrale Voraussetzung für Innovationsentscheidungen sind verfügbare Mittel. Radikale Innovationen verlangen neben zahlreichem Know-how auch hohes Kapital für Forschung, Prototypenentwicklung und Tests. Fraunhofer ISI liefert deutliche Zahlen: Innovationsvorhaben kosten oftmals 3-5 Mal so viel wie inkrementelle Verbesserungen oder Imitationen. Mittelständler sollten sich deshalb ehrlich fragen, wie viel Budget sie für neue Entwicklungen einsetzen können, ohne die Liquidität zu gefährden.
Unternehmensgröße und Struktur
Kleine und mittlere Unternehmen haben meist weniger Personalressourcen für umfangreiche Innovationsmanagementprozesse. Zudem sind die Entscheidungswege häufig kürzer. Das kann ein Vorteil für schnelle Imitationen sein, während groß angelegte Forschungsprojekte eher den Großunternehmen vorbehalten sind. Dr. Karen Müller vom Fraunhofer-Institut rät Mittelständlern daher, „schnelles Lernen und adaptive Innovationen über teure Pionierarbeit zu stellen“.
Marktdynamik verstehen
Ein entscheidender Faktor ist die Geschwindigkeit, mit der sich der Markt verändert. In dynamischen Märkten, z.B. im Digitalbereich oder der Elektromobilität, eröffnen radikale Innovationen oft neue Chancen, aber auch große Risiken. In stabilen oder gereiften Märkten lohnt sich häufig die Imitation mit inkrementellen Anpassungen, um bestehende Kunden zu binden und Kosten zu sparen.
Wettbewerbsdruck bewerten
Ist der Konkurrenzdruck hoch und Innovationsgeschwindigkeit der Mitbewerber schnell, müssen Mittelständler reagieren. Manchmal ist es sinnvoller, eigene Innovationen zu forcieren, um sich exponentiell vom Wettbewerb abzusetzen. Häufiger jedoch genügt es, als „Fast Follower“ etablierte Innovationen zu adaptieren, um mit überschaubaren Risiken stabil zu wachsen. McKinsey unterstreicht, dass dieser Mittelweg einen guten Kompromiss zwischen Wachstumspotenzial und Sicherheit darstellt.

Praxisbeispiele und Checkliste für Mittelständler
Erfolgreiche Innovationsbeispiele
- Bosch: Bindet radikale Innovationen wie autonome Fahrassistenzsysteme in eine adaptive Innovationsstrategie ein, die bestehende Technologien anderer Hersteller schnell adaptiert und skaliert.
- TeamViewer: Begann als Imitator im bekannten Remote-Desktop-Markt, entwickelte sich durch inkrementelle Verbesserungen zum Marktführer und investiert heute in neuartige Technologien wie Augmented Reality.
- Wempe: Setzt auf Hybridinnovationen, die Tradition und moderne Technik bei Uhren verbinden. Innovation findet hier eher im Vertrieb und Services statt.
Imitationsstrategien im Mittelstand
Der Mittelstand profitiert von Imitationsstrategien, indem er bewährte Innovationen schneller und kostengünstiger übernimmt. Digitale Tools helfen dabei, Wettbewerber im Blick zu behalten und deren Technologievorsprung zu nutzen. Kooperationen mit Startups und Hochschulen eröffnen weitere Innovationsquellen, die nicht komplett intern mit hohem Aufwand aufgebaut werden müssen.
Checkliste zur Entscheidungsfindung
- Ressourcen prüfen: Haben Sie das Budget und Personal für radikale Innovationen?
- Markttrends analysieren: Ist der Markt dynamisch und offen für Neues oder eher konservativ?
- Kundenbedürfnisse verstehen: Bevorzugen Ihre Kunden Neuheiten oder bewährte Lösungen mit Verbesserungen?
- Wettbewerbsumfeld bewerten: Sind Sie First Mover oder Fast Follower?
- Risikobereitschaft einschätzen: Können Sie Misserfolge finanziell und strategisch auffangen?
- Kooperationsmöglichkeiten nutzen: Gibt es Partner, die Innovationsrisiken teilen können?
- Hybridstrategien entwickeln: Kombinieren Sie innovative Kernkomponenten mit bewährten Technologien.
Diese Checkliste unterstützt Sie dabei, eine ausgewogene Innovationsstrategie zu entwickeln, die sowohl Chancen als auch Risiken realistisch abbildet.
Fazit: Mittelständler brauchen keine Angst vor Innovationen, sollten diese aber mit Bedacht und klarer Strategie angehen. Oft ist die Kombination aus gezielter Imitation und kreativer Weiterentwicklung der Schlüssel zum nachhaltigen Markterfolg. So bleiben Sie wettbewerbsfähig und können Ihre Kunden stetig mit relevantem Mehrwert begeistern.